Eine Kohlrabenschwarz-Kurzgeschichte von Tommy Krappweis und Christian von Aster.
Es war bereits später Abend, und Stefan Schwab saß im Garten seines langjährigen Freundes Thomas Falbner. Wobei „Garten“ vielleicht das falsche Wort war. Die Bezeichnung „eingezäuntes Unkraut“ passte deutlich besser auf dieses sich selbst überlassene Fleckchen Natur hinter Falbners Bungalow. Immerhin hatte dieser genug Unkraut plattgetrampelt, um Platz zu schaffen für seinen imposanten Grill und zwei uralte Campingstühle.
So starrten zwei Männer in ihren besten 40ern seit über einer Stunde auf Glut und Grillgut und nippten dabei an ihren Bierflaschen. Schwab stand auf und warf einen genaueren Blick auf das Steak. „Ich stelle fest,“ sagte er dann mit einem feierlichen Tempo in der Stimme, „dass das Fleisch auf einem Firemaster Rocket dreitausend genau so verbrennt wie auf einem Zeltplatz Klappgrill.“
Falbner seufzte tief, stand auf und gesellte sich neben Schwab. Dann seufzte er noch einmal. In die Stille hinein begann der Nachbarshund zu bellen, und auf eine seltsame Art machte das die Stille noch stiller. Schließlich seufzte Falbner ein drittes Mal, griff zur Grillzange und legte die beiden angeschwärzten Steaks auf einen Teller.
„Der Hund von drüben freut sich“, sagte er, trat an den halbhohen Zaun, bog das Unkraut zur Seite und kippte das Grillgut in den Nachbarsgarten. „Wenigstens müssen wir jetzt nicht andauernd nach den Steaks schauen.“
„Stimmt“, nickte Schwab und streckte die Beine aus. „Dann kommen wir jetzt zum entspannten Teil des—“ weiter kam er nicht, denn da übertönte ihn der Klingelton seines Smartphones.
Schwab zog eine Grimasse und fischte das Handy aus der Innentasche seiner Jacke. Als ein Blick auf den Namen des Anrufers fiel, verdunkelte sich seine Miene so schlagartig, dass Falbner es sogar bemerkte, obwohl er gerade in die andere Richtung schaute.
„Schwab“, tönte es da auch schon lauter aus dem kleinen Lautsprecher, als man es selbemzugetraut hätte. „Warum lassen sie mich so lange warten? Zum Teufel und seinem Buckel noch mal!“
Falbner zog die Augenbrauen hoch, denn auch er wusste sofort, wer da am anderen Ende in gewohnter Missmutigkeit vor sich hin schimpfte. Schwab nahm sich trotz des Anraunzers die Zeit und atmete noch einmal durch, bevor er antwortete. Es war auch völlig in Ordnung, wenn Falbner hörte, was Erdmann zu erzählen hatte, denn seit kurzem war er ebenso wie Schwab selbst, Teil einer Sonderkommission mit dem bezeichnenden Namen „Kohlrabenschwarz“.
Diese hatte die Aufgabe, sich um unerklärliche Phänomene zu kümmern, die vor wenigen Wochen in der Gegend um Rosenheim ihren Anfang genommen, dann aber schnell um sichgegriffen hatten. Von lokalen Schreckensgestalten wie dem sogenannten blutigen Thomas über den berühmt berüchtigten Rattenfänger von Hameln bis zu riesenhaften Trollen in der Wiener Unterstadt hat insbesondere Stefan Schwab so einiges erlebt.
Auch seine Ex-Frau Susanne, ihr neuer Freund Franz, sowie die Polizistin Anna Leitner waren unentrinnbar in die verrückt verqueren Vorkommnisse verstrickt, und es war nur konsequent, dass sie nun alle Teil der SOKO waren. Sie alle und Altjoff Erdmann. Die Person am anderen Ende der Leitung mit der Laune eines Menschen, der schon am Morgen mit denkbar düsterer Stimmung aus dem Bett steigt und den Tag im Wesentlichen damit verbringt, diese Stimmungslage hingebungsvoll zu pflegen, um sie auf alle Wesen zu verteilen, die den folgenschweren Fehler begehen, ihm ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit zu schenken.
„Hallo Erdmann, freut mich ebenfalls“, brummte Schwab. „Bin ja so gespannt, womit Sie mir den verdienten Feierabend zu versauen gedenken.“
„Sie sind wie immer nicht witzig, Schwab“, rollte die Stimme am anderen Ende. „Ich habe Sie zu Hause nicht angetroffen, wo stecken Sie?“
„Bei… Freunden im Garten. Bei einer Grillparty“, antwortete Schwab.
„Mit ‚Freunden‘ meinen Sie fraglos Ihren singulären Saufkumpan-Wachtmeister Dimpflmoser aus Miesbach. Ich bin in 20 Minuten dort. Bitte finden Sie sich um 23:20 Uhr auf der Straße vor dem Haus ein. Bis gleich.“
„Aber…“, hatte Schwab gerade angesetzt, als ihm auch schon das vertraute „tut tut tut“ einer je unterbrochenen Verbindung signalisierte, dass das Gespräch für Erdmann offenbar beendet war.
„Wen meint der denn mit Wachtmeister Dimpflmoser?“, fragte Falbner, und ihm war anzusehen, dass er schon eine gewisse Ahnung hatte.
„Nimm ihn einfach nicht ernst“, winkte Schwab müde ab. „Wenn Erdmann irgendwann einmal aufhört, alle Menschen um sich herum mit Beleidigungen einzudecken, ist es an der Zeit, sich echte Sorgen um den Fortbestand der Welt zu machen, wie wir sie kennen.“
„Und was will er jetzt, außer uns den Abend verderben?“
„Ach, ich denke, das genügt ihm vielleicht schon“, murmelte Schwab, obwohl er ganz genau wusste, dass das wohl eher nicht der Fall sein würde.
Exakt 20 Minuten später war Stefan Schwab auf die Straße vor Falbners Haus hinausgetreten, als er auch schon das unverkennbare Nadeln von Erdmanns altersschwachem Auto vernahm. Die Bremsen des alten Ladas begannen zu quietschen, als dieser noch 20 Meter entfernt war und steigerten sich zu einem unangenehmen Crescendo, bis der Wagen endlich vor Schwab zum Halten kam.
„Steigen Sie ein“, knurrte die Stimme Erdmanns aus dem halboffenen Fenster der Beifahrertür.
„Warum? Wo fahren wir denn hin?“, fragte Schwab verwundert. „Ich… habe noch ein Steak auf dem Grill und…
Erdmanns genervtes Stöhnen unterbrach ihn. „Erzählen Sie doch ausgerechnet mir keine Märchen, Schwab. Und der Einzige, der gleich irgendwo hinfahren wird, bin ich. Sie steigen jetzt einfach nur ein und dann wieder aus. Letzteres, mit etwas Glück, bevor ich losgefahren bin – wenn Sie keinen Wert auf geprellte Rippen legen.
„Ohne ein weiteres Wort öffnete Schwab die klapprige Autotür und setzte sich auf den Beifahrersitz. Er schloss die Tür jedoch so geräuschvoll, dass der Hund aus dem Nachbarsgarten kurz von den Steaks abließ, um sich in eine weitere Bellkaskade zu steigern.
„Sehr gut, Schwab“, schimpfte Erdmann halblaut. „Vielleicht schalte ich noch die Nebeleuchten an und drehe das Radio laut, damit wirklich jeder mitbekommt, was wir hier mitten in der Nacht zu schaffen haben.“
„Wir haben hier gar nichts zu schaffen, Erdmann“, gab Schwab gereizt zurück. „Sie wollen etwas von mir. Schon vergessen? Ich wollte hier nur mit meinem alten Freund einen netten Grillabend verleben, bis Sie…“
„Ersparen Sie mir die Berichte Ihrer restromantischen Midlife-Crisis“, unterbrach ihn Erdmann schroff wie eh und je. „Auf dem Rücksitz liegt ein Koffer. Diesen nehmen Sie bitte an sich und verwahren ihn bis morgen früh um fünf Uhr dreiunddreißig. Ich hole ihn dann exakt an dieser Stelle wieder ab. Noch Fragen?“
„Ja“, antwortete Schwab trocken. „Tausend.“
„Ich gewähre Ihnen drei. Was wollen Sie wissen?“
„Frage Nummer eins: Ich hatte nicht vor, die Nacht hier zu verbringen.“
„Das ist grammatikalisch gesehen keine Frage. Aber Sie dürfen auch gerne ins Haus gehen, solange Sie den Koffer mit reinnehmen. Weiter?
Schwab schloss die Augen, fasste sich mit Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel und atmete einmal tief durch, bevor er die zweite Frage stellte. „Was für eine Teufelei befindet sich in dem Koffer und wie lange benötigt sie, um mir wie viele Körperteile abzubeißen?
Die Antwort kam prompt: „Sie wissen doch ganz genau, dass ich Ihnen immer nur so viele Informationen gebe, wie Sie unbedingt benötigen. Und wenn Sie die Vorstellung, dass sich in dem Behältnis etwas befindet, das Ihnen Schaden und Schmerz zufügt, davon abhält, selbiges zu öffnen, dann umso besser. Die letzte Frage bitte.“
„Sie haben mir bislang keine einzige zufriedenstellend beantwortet“, murmelte Schwab. „Aber gut, hier ist der letzte Versuch: Warum lassen Sie den Koffer nicht einfach in Ihrer Rostlaube liegen?“
„Weil ich bei der Aufgabe, der ich mich heute Nacht widerwillig widmen muss, keine wie auch immer gearteten magischen Artefakte in unmittelbarer Nähe dulden kann. Zumindest dann nicht, wenn ich darauf angewiesen bin, dass mich andere magisch begabte Wesen nicht auf 500 Meter gegen den Wind riechen“, polterte Erdmann ungewöhnlich heftig und ergriff dabei das Lenkrad mit beiden Händen, als wolle er es jeden Moment von der Stange reißen. „Zudem ist der Verschluss defekt, wie Sie an dem Klebeband erkennen, mit dem ich das Behältnis notdürftig verschlossen habe.“
Schwab drehte sich herum und starrte auf den Metallkoffer. „Moment mal, das Einzige, was den Dolch der goldene Eier legt, davon abhält, meinen Körper und die dahinter liegende Hauswand zu durchschlagen, ist dieser Fetzen Paketklebeband?“
„Der… ähm… was?“
„Erdmann, das war ein Scherz! Was weiß ich denn, was in dieser Beulenkiste liegt. Des Teufels drei goldene Haare, die Schenkel vom Froschkönig oder die heilige Handgranate von Antiochia.“
„Welche heilige Handgranate von…?“
„Das ist ein Zitat, um Himmels willen.“
„Ihre sogenannten Witze werden irgendwann Ihr Untergang sein, Schwab. Wollen Sie nicht spät, aber dennoch etwas Wichtiges dazulernen und Ihre Zunge im Zaum halten, zum Wohle aller Beteiligten?“
Schwab zuckte mit den Schultern. „Meine sogenannten Witze sind das Einzige, was mich noch auf der Seite der Zurechnungsfähigkeit hält. Ansonsten wäre ich, nicht zuletzt dank Ihnen und Ihrem Märchenkram, längst dem Wahnsinn verfallen.“
Erdmann kniff die Augen zusammen und deutete mit dem Zeigefinger auf Schwab. „Steigen Sie jetzt endlich aus, nehmen Sie den Koffer vom Beifahrersitz und passen Sie in aller Dämonen und Ihrer Großmütter Namen darauf auf, bis ich zurück bin. Wie schwer kann das sein?“
„Was ist das denn?“, fragte Falbner, als Schwab mit dem Koffer in beiden Händen zurück inden Garten tappte.
„Ein Koffer“, antwortete Schwab wahrheitsgemäß. Und während Falbner sich abwandte, um ihm eine neue Flasche Bier aus der Kühlbox zu angeln, legte er das Objekt direkt vor dem Campingstuhl ab, um es gut im Auge behalten zu können. Dann nahm er dankend das Bier an und ließ sich mit einem ausgiebigen Seufzer in den Klappsessel fallen.
Das stellte sich jedoch schneller als dumme Idee heraus, als Schwab sich selbst hätte dafür verfluchen können. Der ausgeübte Druck animierte den rostigen Rahmen des Campingrelikts, sich altersgemäß zu verhalten, und knickte unter Schwab ein wie ein leerer Pappbecher.
Falbner sah, dass sein Freund neben ihm nach unten sackte und, umrahmt von Gestänge und Stoff, hilflos rudernd nach hinten kippte. Er sprang auf, um ihm zu helfen, doch dabei war ihm der Metallkoffer im Weg. Ein dumpfer, blecherner Schlag ertönte, als Falbners rechte Fußspitze kräftig gegen den eisernen Behälter schlug.
Schwab war irgendwo rückwärts im Gebüsch verschwunden und seinem unterdrückten Schimpfen nach zu urteilen, hatte er sich wohl nicht verletzt. Dafür hielten die Reste des Klappstuhls sein Hinterteil so fest umklammert, als wollten sie ihn nie wieder gehen lassen.
„Ich sage es höchst ungern, aber du musst mir helfen“, stöhnte Schwabs Stimme schließlich aus dem halbhohen Unkrautbewuchs.
„Bin schon dabei. Au, au“, antwortete Falbner und humpelte seinem Freund entgegen.
Die zehenseitige Kollision mit dem schweren Koffer war schmerzhaft gewesen und Falbners Badelatschen hatten nichts Hilfreiches beigetragen. Immerhin war Schwab nach ein paar Momenten wechselseitiger Unbeholfenheit sowohl aus dem Gebüsch als auch aus dem Gestänge befreit und hatte außer ein paar Grasflecken an Hose, Shirt und Ellbogen keineweiteren Blessuren davongetragen.
„Tut mir leid wegen dem Stuhl, Thomas.“
Der winkte ab. „Das macht nix. Dann habe ich endlich einen Grund, mal zwei neue zu kaufen.
„Falbner hielt inne, als er das kalkweiße Gesicht seines Freundes sah. „Was ist denn? Geht’s dir nicht gut?
„Schwab schluckte, bevor er antwortete. „Der Koffer… Er ist offen.“
Falbner sah sich um und tatsächlich: Der eiserne Behälter lag einen Meter weiter aufgeklappt in der plattgetrampelten Wiese und war leer.
„Fuck, fuck, fuck, fuck, fuck, fuck, fuck,“ schimpfte Schwab sofort los und riss ein Smartphone aus der Tasche. Er schaltete die LED ein und ließ den hellweißen Lichtkegel indem kleinen Garten hin und her tanzen. „Hast du irgendwas gesehen, Thomas? Ist was rausgefallen oder zerbrochen oder versickert oder weggelaufen? War da irgendwas?“
„Nein, nein, gar nix,“ beeilte sich der zu sagen, während er ebenfalls nach seinem Handyfischte. „Ich habe zumindest nix bemerkt, also außer, dass es sauber wehgetan hat und mein großer Zeh immer noch pocht.
„Ich hoffe nur, dass es nichts ist, was jetzt im Gras hockt und wartet, bis es dir den Zeh abfressen kann, bis unters Knie,“ meinte Schwab und trat unwillkürlich ein paar humpelnde Schritte zurück.
„Um Himmels Willen, was hat dir der Erdmann denn da mitgeben?“
„Er hat es mir nicht gesagt, Herrgott, wenn ich das wüsste, dann…“ Schwab hielt überrascht inne und ging in die Knie.
Falbner folgte seinem Blick und auch er schaute erstaunt auf das, was da vor ihnen lag.
„Ein Topf… Oder eher ein Töpfchen,“ murmelte Schwab und griff danach. „Und schau, da drüben liegt der Deckel.
„In diesem Moment erlosch die Lampe seines Handys und er fluchte. „Herrgott, mein Akku ist leer. Leuchte mal hier rüber, bitte.“
Falbner tat wie ihm geheißen. „Ich habe auch nur noch 5 Prozent. Wo ist denn… ich seh’s. Ja,sauber, ausgerechnet in den Brennnesseln.“
Wortlos stand Schwab auf, trat an den Grill, zog sich den Handschuh über und griff die Grillzange. Dann fischte er den kleinen Deckel aus dem heimtückischen Gewächs und legte ihn auf das Töpfchen. Falbner hatte den Koffer wieder zugeklappt und Schwab stellte das Gefäß darauf ab.
„Und deswegen so ein Theater?“ murmelte er und ließ sich auf der Kühlbox nieder, nicht ohne vorher einen Blick zu riskieren, ob auch sicher der Deckel darauf lag. „Ich hatte wirklich mit etwas anderem gerechnet.“
„Irgendwas mit Zähnen?“ fragte Falbner seufzend und setzte sich auf den verbliebenen Klappstuhl.
„Ach, das nicht wirklich,“ winkte Schwab ab. „Und das hätte er mir dann doch wohl gesagt. Nein, eher der Kamm der bösen Stiefmutter oder die Schnürsenkel vom gestiefelten Kater, Dornröschens Spindel, ein blutiger Schuh oder ein Wackerstein aus dem Magen vom großenbösen Wolf.“
Falbner lachte laut auf. „Du kennst dich ja aus. Respekt.“
„Was bleibt mir anderes übrig,“ entgegnete Schwab in nur teils gespielter Verzweiflung. „Es heißt doch, kenne deinen Feind und so wie ich das verstanden habe, suchen sich die alten Geschichten neue Opfer im Hier und Jetzt. Da will ich vorbereitet sein und dir würde das als Chef der SOKO Kohlrabenschwarz auch nicht schaden, Herr Falbner. Irgendwann stehst du alleine in einer Höhle, die Klappe geht zu und du erinnerst dich nicht an ‚Sesam öffne dich.’“
Falbner grinste. „Oder ich brauche ein Geld für die Parkuhr und weiß das Wort nicht mehr,dass den Esel Gold schmettern lässt.“
„Es lautet ‚Brickle Britt‘,“ dozierte Schwab. „Aber laut Erdmann haben sie es irgendwann übertrieben und ‚Fleckchen‘ steht jetzt ausgestopft im Archiv in der Wiener Unterstadt. Ich denke mal, für das Schüsselchen da brauchen wir keine, wie auch immer geartetenSprüche zu bemühen, außer vielleicht ‚Töpfchen, Koch‘. Ist es okay, wenn ich dein Gästezimmer in Anspruch nehme? Morgen früh um 5 Uhr 33 holt Erdmann die Kiste wiederab und ich soll wieder auf der Str…“
Schwab verstummte, als etwas neben ihm erst leise und dann immer lauter zu klappern begann.
Am nächsten Morgen um Punkt 5:30 Uhr hielt Erdmann vor dem Haus von Thomas Falbner an. Es war ihm deutlich anzusehen, dass zwei Seelen in seiner Brust um die Vorherrschaft kämpften. Zum einen brodelte in ihm die Wut darüber, dass Schwab es offenbar nicht geschafft hatte, seinen Anweisungen Folge zu leisten. Zum anderen war der Anblick, der sich ihm bot, so skurril, dass dem sonst so miesepetrigen Mann glatt der Anflug eines Grinsens entfleuchte, welches er natürlich wieder eingefangen hatte, bevor er aus seinem Wagen stieg.
„Einen guten Morgen, Herr Schwab. Da ich Sie mitsamt dem Koffer vor mir sehe und daraus kein Brei hervortritt, darf ich annehmen, dass Sie irgendwann selbst auf das Kommando gekommen sind, mit dem man dem Kochvorgang Einhalt gebietet?“
„Ja“, antwortete Schwab einsilbig, öffnete die Tür zur Rückbank, legte den Koffer hinein und schloss sie danach wieder. Dann trat er zurück, verschränkte die Arme und blickte Erdmann stumm an.
„Also, es ist natürlich ausschließlich Ihr Problem und das des Hausbesitzers, und darum will ich mich hier tunlichst zurückhalten.“, begann Erdmann.
Doch Schwab unterbrach ihn schroff: „Warum tun Sie es dann nicht?“
„Es hat mehrere Gründe, die ich Ihnen nicht vorenthalten will. Zum einen interessiert mich der genaue Vorgang dieses offensichtlichen Missgeschicks. Oder haben Sie das Töpfchen absichtlich auf Breiproduktion geschaltet?“
„Nein.“
Erdmann sah ihn prüfend an und legte den Finger ans Kinn. „Nun denn, so lassen Sie mich raten, wie man so schön sagt, wenn man eigentlich schon weiß, was die richtige Antwort ist: Ihr Freund, der Stummfilm-Polizist, stolpert über den Koffer, das Töpfchen purzelt heraus, Sie wurden dessen ansichtig und das Erste, was Ihnen dazu einfiel, war ein weiteres Ihrer geringschätzigen Märchenzitate, vor denen ich Sie nur wenige Minuten zuvor erst ausdrücklich gewarnt hatte.
“Schwab kaute auf seiner Unterlippe, wie ein ertappter Schuljunge, der gerade „Deutschlehrersind doof“ an die Tafel geschrieben und es geschafft hatte, darin mindestens drei Rechtschreibfehler unterzubringen.
„Ich entnehme Ihrer Reaktion, dass ich goldrichtig liege. Vielen Dank. Und das Kommando für den Kochstopp entnahmen Sie dann wohl Ihrem viel gepriesenen Internet, wo dieses Märchen mit den richtigen Stichworten in wenigen Sekunden zu finden ist …Nein. Moment.“
Erdmann hielt inne und betrachtete Falbners Haus – oder zumindest Teile des Dachs, denn vielmehr ragte aus den Unmengen an Hirsebrei kaum heraus. Auch der Vorgarten, die Garage und ein Großteil der Einfahrt waren mit zähem, klebrigem Brei bedeckt. Hätte Falbner die Pflanzen nicht so hingebungsvoll ungepflegt gelassen, wäre wohl noch viel mehr auf die beidseitigen Nachbarsgrundstücke geschwappt.
„Sagen Sie mal, warum haben Sie denn so lange gebraucht, um den richtigen Stoppbefehl zufinden?“, fragte Erdmann und sah Schwab verwundert an.
„Akku von meinem Handy war alle“, antwortete Schwab nach einer Pause und setzte dannnach. „Falbner hat in seinem Garten, wenn überhaupt, nur Edge. Kennt nicht mal das Passwortvom eigenen WLAN und sein Notebook war im Büro.“
„Ich verstehe. Also, was taten Sie?“
„Ich wollte mit Falbners Handy meine Ex und ihr Bücherregal anrufen, aber er hatte Susannes Nummer nicht gespeichert und ich habe die an dem Tag aus meinem Hirn gelöscht, als sie bei mir ausgezogen ist. Und die vom Franz hatte ich auch nur im Handy gespeichert.“
„Ja, aber die Nummer Ihrer neuen Flamme, Frau Leitner, werden Sie doch wohl auswendigkennen?“
„Anna war im Fitnessstudio, und ging nicht dran. Und während ich dann mit Falbners Handy ewig gewartet habe, bis sich mal eine Internetseite aufbaut, hat Anna endlich zurückgerufen. Der Falbner hatte das elende Töpfchen inzwischen in den Keller runtergetragen, weil er meinte, wenn es den unnützen Waschkeller vollkocht, stört das noch am wenigsten.“
„Aber warum haben Sie es dann nicht endlich gestoppt?“, fragte Erdmann ebenso ungeduldig wie verwundert. „Es ist zwar ein arg emsiges Töpfchen, aber bis es derart raue Mengen an Hirsebrei herstellt, vergehen doch Stunden.“
„Als er aus dem Keller hoch und zurück in den Garten kam, wo ich mit seiner Krücke von einem Handy auf der Suche nach Netz auf dem verdammten Grill stand, posierend wie die Freiheitsstatue von Miesbach, ist hinter ihm die Tür zugefallen. Und da er nun mal der hingebungsvollste Polizeioberwachtmeister aller Zeiten ist, hat er all seine Türen, Fenster und Mauselöcher mit einbruchsicheren Schnappschlössern ausgestattet. Schlösser, in die man nicht einmal einbrechen kann, wenn man mit einem Grill von der Größe eines Kleinwagens dagegen fährt – und glauben Sie mir, wir haben es ausprobiert.“
„Wäre nicht ein schnöder Schlüsseldienst die bessere Idee gewesen?“
„Das war der erste Plan. Aber da machte auch der Akku von Falbners Handy endlich schlapp. Also ist der zu Fuß losgelaufen, um den Schlosser am anderen Ende vom Stadtteil Leitzach aus dem Bett zu klingeln, während ich mir einen Plan B überlegen sollte.“
„Einen Plan, für den Sie offenbar länger gebraucht haben, als erhofft.“
„Ich bin tatsächlich erst nach einer Ewigkeit darauf gekommen, dass ich das Kommando einfach nur in das Abluftrohr am Haus reinbrüllen muss, weil das ja aus dem Waschkeller kommt, in dem das Hirsemonster steht. Allerdings musste ich da reinschreien wie ein Jochgeier, weil ja alles schon mit Brei vollgestopft war und das ist der Sprachverständlichkeiterstaunlich abträglich. Fast gleichzeitig hat der Bampf dann auch die Kellerfenster aus den Angeln gedrückt und sich rund ums Haus verteilt.“
Erdmann verzog das Gesicht. „Aber der Schlüsseldienst…“
Schwab unterbrach ihn mit einem genervten Abwinken. „Dem hätte ich etwas von einer privaten Schaumparty erzählt.“
„Was sonst.“
„Dem Falbner hätt‘ man das schon abgenommen. Als das Zeug am Kellerfenster ein bisschen erkaltet war, konnte ich das verdammte Töpfchen endlich rausholen. Und ich hoffe, Sie nehmen es jetzt mit und fahren damit ganz, ganz, ganz weit weg von überall, wo ich jemals sein werde.“ Schwab verfiel wieder in schweigsames Brüten.
Erdmann kratzte sich abermals am Kinn und sah sich nachdenklich um. In spätestens einer halben Stunde würden wohl die ersten Frühaufsteher einen morgendlichen Blick aus ihren Fenstern werfen und feststellen, dass sich die Nachbarschaft über Nacht signifikant verändert hatte. Auch die Kinder im linken Nachbarhaus würden feststellen, dass die Fahrräder, mit denen sie jeden Morgen zur Schule fuhren, bis über die Kettenschoner in Hirsebrei standen.Von den Leuten, die das Haus auf dem Weg zur Arbeit mit dem Auto passierten, ganz zuschweigen. Das war nicht gut.
Erdmann schüttelte den Kopf und zückte seufzend sein Smartphone. „Ich tue das weder gerne, noch will ich es als eine entfernte Form von „Freundschaftsdienst“ gewertet wissen, denn nichts liegt mir ferner, das können Sie mir glauben. Aber ich werde Ihnen helfen, das zu bereinigen, Schwab.“
„Tatsächlich? Das können Sie?“
„Ja, das kann ich. Nun … Nicht ich direkt, aber ich kontaktiere den Vorsitzenden des lokalen Wichtelstammtisches. Die halten sich konsequent aus allen magischen Angelegenheiten raus, aber wenn es etwas in Windeseile aufzuräumen und sauberzumachen gibt, kennen die kein Halten mehr.“
„Wichtel, was meinen Sie mit W …“ begann Schwab, doch da hatte Erdmann bereits jemanden in der Leitung.
„Hallo Butzi, hier ist Erdmann. … Ja, die Sache mit dem Leim tut mir leid, aber es ist schon über 77 Jahre her und… Butzi, äh, lass uns ein andermal darüber sprechen. Es gibt bei Euch um die Ecke einen Notfall mit dem Hirsetöpfchen … ja, das Hirsetöpfchen, genau … Ähm, in Miesbach, schräg gegenüber der Leitzachmühle, das Haus mit dem, nun ja, mit dem Brei rundherum … es wäre sinnvoll, wenn Ihr möglichst bald … Hallo? … Oh. Das ging schnell.“
Schwab war interessiert nähergetreten und blickte Erdmann erstaunt an: „Also, kommen da jetzt wirklich so… ähm… Wichtel und machen das sauber?“
Ein kaum wahrnehmbares Lächeln umspielte Erdmanns Mundwinkel. „Kommen Sie her, direkt neben mich. Sehr gut. Und jetzt schauen Sie mir tief in die Augen, Schwab. Sehr gut. Nur noch einen Moment… fünf, vier, drei, zwei… jetzt.“
Schwab blinzelte verwundert. „Jetzt? Was jetzt?“
„Jetzt hören Sie bitte auf, mich anzustarren, als wäre ich Ihr enervierendes Mobiltelefon und drehen sich um.“
Schwab tat wie ihm geheißen und wäre vor Erstaunen fast über die Bordsteinkante gestolpert. Hinter ihm stand Falbners Bungalow, restlos befreit von Hirsebrei, neu und strahlend weiß verputzt, mit auf Hochglanz polierten Dachrinnen, frisch gestrichenem Zaun und einem Rasen, der so perfekt kupiert war, dass man dafür wochenlang mit einer Nagelschere auf allen Vieren durch den Garten hätte robben müssen.
„Das… Das ist…“ stammelte Schwab und stellte fest, dass dies einer der wenigen Momente war, an dem ihm spontan die gesamte Muttersprache abhanden gekommen war.
Als Thomas Falbner wenige Minuten später mit dem Schlosser in dessen Mini-Van angefahren kam – Letzterer hatte sich standhaft geweigert, vor 6 Uhr auf die Türklingel mit der Aufschrift „Notruf“ zu reagieren – traute auch er seinen Augen kaum.
Mit offenem Mund tappte Falbner an Schwab vorbei und vor dem Handwerker her, den frischgeschotterten Kiesweg zu seiner Haustüre entlang. Dabei sah sich Falbner unentwegt so überfordert um, dass sich der Schlosser schließlich genötigt sah, noch ein zweites Mal die Personalien zu überprüfen, um sicherzugehen, dass es sich wirklich um ein Schlüsselproblem und nicht um einen selten dämlichen Einbruchsversuch handelte.
Erdmann war in der Zwischenzeit längst verschwunden. Den Koffer mit dem fleißigenTöpfchen hatte er natürlich mitgenommen. Und auf der Fahrt hatte er so schallend gelacht, dass ihm danach das Zwerchfell schmerzte – was auch daran liegen mochte, dass es in den letzten 347 Jahren selten derart beansprucht worden war.
Ende.
Das Video von der Lesung bei der Buchmesse Saar.
